So fragt mit vielen, die zum ersten Mal seinen Namen hören und sein Bild oder Lebenswerk betrachten, Elisabeth Langgässer in ihrem Beitrag zu dem Büchlein „Helden ohne Waffen” (Berlin 1947, S. 134). „Es ist unmöglich darauf eine Antwort zu geben”, fährt sie weiter, „er war Kuhhirt und Winzer, Trapezkünstler, Lehrer und Tausendsassa, Pionier und Pfadfinder, Kaufmann und Priester, Sozialarbeiter und Jugendfreund, Gründer unzähliger Jugendheime in der alten und anderen Welt, Kamerad und Vater von kleinen Dieben, von Räubern und Waisenkindern, Anführer ihrer stürmischen Spiele und Tröster ihrer Leiden, Büßer und Beter für seine Kinder, wie er die Jungschar nannte, die keiner mehr zählen kann, ein Baumeister, Spekulant und Träumer - ja doch vor allem ein Träumer von wunderlicher Art. Er war ganz einfach, wie ein wildes Gebirgswasser einfach ist, das gleichzeitig Steine mit sich reißt und Blumen und Tiere tränkt. Er war ein einfacher Mensch unserer Tage, ein Apostel der Neuzeit, ein Jugenderzieher von ungewöhnlichen Graden, dessen Lehre immer nur Güte und nichts als Güte hieß. Er war ein Heros der Liebe und als solcher wurde er - dieser Aprilsnarr der weltverwandelnden Liebe - am 1. April des Jahres 1934 von Papst Pius XI. heilig gesprochen, vielmehr, es wurde nur ausgesprochen, was allen Leuten bereits bekannt war, die sich näher mit ihm beschäftigt hatten.”

Sein Leben glich zunächst dem jedes anderen Bauernbuben von Becchi, einem kleinen Weiler bei Castelnuovo d´Asti (heute Castelnuovo Don Bosco) in der norditalienischen Provinz Alessandria, 25 km östlich von Turin, wo er am 16. August 1815 zur Welt kam und in der Taufe den Namen Johannes Melchior erhielt. Der Kleine lernte früh Armut und Entbehrung ertragen und mit der Hände Arbeit für den Lebensunterhalt mitsorgen. Johannes zeigte schon früh Talente, die ihn bei seinen Spielkameraden zum unbestrittenen Führer werden ließen: eine unerschöpfliche Erzählgabe, besondere Fähigkeiten für Basteln und Zauberkunststücke, ein bezwingender Einfluss auch auf die größten und wildesten Buben, sportliche Überlegenheit, ein mitreißendes Eintreten für alles Gute, dazu Mut und Ehrlichkeit.

Im Alter von neun Jahren hatte Johannes einen Traum, der sein Leben entscheidend bestimmen sollte. Er sah sich inmitten einer Schar lärmender und fluchender Buben, die er vergebens durch Schläge zum Schweigen zu bringen versuchte. Da ermahnte ihn eine himmlische Gestalt, sich mit Liebe und Sanftmut dieser Jugend anzunehmen, und gab ihm die Gottesmutter als Lehrmeisterin. Seit dieser Stunde wollte der kleine Johannes Proester werden. Aber der Weg war mühevoll. Der um 12 Jahre ältere Stiefbruder Antonio, der nach dem Tod des Vaters in der Familie bestimmen wollte, suchte das Studium zu verhindern, und die gute Mutter sah zunächst keinen Ausweg.

„Warum willst du eigentlich Priester werden?”, hatte ihn damals der Kaplan gefragt. „Um vielen Kameraden näher zu kommen, und sie in der Religion zu unterweisen, denn sie sind nicht schlecht, aber sie werden es, wenn sich niemand ihrer annimmt”, hatte Johannes gesagt. Er fühlte den missionarischen Drang, jungen Menschen zu helfen und vor allem ihre Seele zu retten. „Gib mir Seelen, alles andere nimm!”, wurde die Losung seines ganzen Lebens. Als er im Klerikalseminar von Chieri, in dem er durch Frömmigkeit und Studieneifer alle überragt, eines Tages auf den Gedanken kam, Franziskaner zu werden, wies ihn sein - heute ebenfalls als Heiliger verehrter - Beichtvater Josef Cafasso den Weg zum Weltpriesterstand und schlug ihm nach seiner Weihe (am 6. Juni 1841) vor, zur weiteren Ausbildung in das Priesterkonvikt nach Turin zu gehen. Dort vertiefte Johannes sein Wissen und seinen Seeleneifer und lernte bei seinen Besuchen in den Turiner Gefängnissen die ganze Not und Gefährdung der Großstadtjugend kennen. Verlockende Angebote zu anderweitiger priesterlicher Tätigkeit lehnte er ab. Die im Berufungstraum geschaute Aufgabe sollte seinen Weg bestimmen: Leben für Jugend und Sorge für ihr irdisches und ewiges Glück. Gebet und Opfer wurde seine Lebensform und die tragende Kraft seines Erziehungswerkes. Als Prediger, Beichtvater, Seelenführer wirkte er nicht nur unter seinen Buben, sondern in ganz Norditalien. Der einzige Titel, den er annahm und mit Stolz unter alle Schreiben zu seinem Namen setzte, war „sacerdote”, Priester und seine besondere Sorge galt der Heranbildung des Priesternachwuchses.